Dolorosa (Jüdisches Volksblatt)

Dolorosa

Von Max Eisler

Ich habe unlängst in einem großen Bilderwerke unserer Bibel geblättert und gelesen und habe Dinge gesehen, die voll Kraft und Schönheit waren. Das sind Arbeiten aus der Hand bedeutsamer Männer, deren Namen oft genannt werden und dann immer mit jenem tieferen Ausdruck, den wir unbewußt für die Autorität finden. Ich habe da viel Schönes gesehen und mich wirklich daran gefreut, doch nicht anders als bei alter Kunst, deren Wahrheit ergreift. Das war aber sicher ein Gebrechen in der Wirkungsart dieser Arbeiten: sie find mir fremd geblieben, und das durften sie nicht sein, weil sie eine Menge innerer Töne, die immer bereit znm Mitklingen in mir liegen, hätten erregen sollen. Diese Bilder aus dem alten Buche sind uns so nah, so tief wesentlich verwandt, daß wir rein instinktiv ihren Wert prüfen, die Aehnlichkeit und Verwandtschaft mit ihren Urbildern in uns erkennen. Und wenn der Künstler das vollbringt, was wir vermöge unserer ganzen Anlage, unserer Rassenzugehörigkeit von ihm fordern müssen, dann finden wir willenlos das Urteil: das ist echte, das ist jüdische Kunst. Bei jenem Werke konnte es nicht so kommen: die Künstler waren keine Juden.

Die künstlerische Teilnahme rassenfremder Leute an unseren Kunstwerken ist eine sehr, sehr alte. Man wird aber da streng sondern müssen zwischen einer bloßen Nutzung unserer Stoffe und einer inneren Verbindung Rassenfremder mit uns selbst. Natürlich führt diese Wahlverwandtschaft bei schöpferisch Begabten zu einer Nutzung unserer Stoffe oder noch viel eher unserer inneren Werte. Von jener Art sind fast alle Werke schreibender und bildender Kunst, die sich an das Wort der Schrift lehnen; das geschieht aber meist ohne tiefere Teilnahme an uns selbst, lediglich des Stoffes wegen, der ja durch die Gründung der beiden monotheistischen Religionen, äußerlich seines streng nationalen Wertes beraubt, in ein universales Gut gewandelt ward. Durch diesen Akt wurden aber die Gestalten der Schrift von ihrem ersten Zusammenhange gelöst und ihre nationalen Züge verloren sich in den tausendfachen Umarbeitungen von romanischer und germanischer Hand, die sich auf lateinischer und zum Teil schon orientalischer Grundlage aufbauten. Nur nach solchen Gedanken kann man an das Beschauen jenes Bildwerkes treten; man wird dann im voraus keine jüdische Kunst dort suchen und sich die Enttänschnng ersparen.

Von der zweiten seltenen Art sind jene Werke, die aus den Händen tief fühlender Künstler gediehen, deren reiche psychische Anlage eine engere Verbindung mit uns und erst durch uns mit unseren Stoffen knüpfte. Und wenn sie auch nie jüdische Kunst geben können, so werden wir doch immer untrüglich in Schrift und Bild den Wunsch ihrer Liebe zu uns erkennen. Scheiden wir scharf: Eine Gattung Leute, die in allen Straßen des Lebens nach Kunststoffen suchen und sie auch bei uns finden, und dann wieder eine Art Menschen, die uns lieben und aus echter Liebe zu uns unsere Kunstwerke nützen. Natürlich muß dann das zweite Werk viel tiefer auf uns wirken; denn die Ersten stehen außer ihm, die Zweiten nehmen es aus sich selbst, aus der Liebe oder wenigstens aus dem Verständnis für uns. Byron hat so seine “hebräischen Melodien” gesungen, Hebbel so seine “Judith”, Ludwig seine “Makkabäer” geschrieben. Und unsere Zeit mit ihrer nationalen Wiedergeburt hat kühn und stark an zwei Dichterherzen gegriffen und sie zum Singen gebracht: Münchhausen und die Dolorosa.

Da ist in voriger Woche ein Büchlein erschienen nnd nennt sich: “Confirmo te chrismate”, und drüber steht: “Dolorosa”. Hat sie den Namen mit Bedacht gewählt? Fast scheint es so: Auf der Banddecke gibt’s einen kleinen Liebesbengel mit schwarzen Haaren und in der linken Hand hat er eine Peitsche, in der rechten einen Pfeil, an dem zwei Herzen bluten. Durch die Blätter summt es so trübe, niemals ein helles Lachen, wie’s die Buben auf der Straße tun oder die Mädels im Grünen oder wie der Frühling, der jetzt
draußen rote Blüten gibt und ein Lied singt… Auch das Glück ist so traurig, immer feierlich, immer qualvoll und mit roten Wunden, die wie Rosen glühn und wie Sonnenpfeile stechen, und über allem liegt “das alte Lied”:

„ . . . Die roten Rosen sind längst verdorrt,
Der Wind trieb die welken Blätter fort.
Nun horch ich abends, krank und müd’
Auf das alte, traurige Lied;
Um mich flattert das trübe Abendrot
Und durch meine kranke Seele zieht
Das Lied — — vom Tod — — ”

Ueberall brennt das Zeichen des Schmerzes , mag noch aus
alten Tagen ein verlorener Klang an ihn mahnen , mag die Sehn¬
sucht ihn aus der Gegenwart bannen wollen oder mag sie nach ihm
rufen , wie der Dürstende , der in toller Glut den eigenen Leib
schlägt , um Blut zu trinken vom Ouell des eigenen Schmerzes :
So krönt sie sich auch im „ Ahasver ” :
„ . . . Du sollst in diesen Maiennächten
Dein altes , ew ‘ ges Leid vergessen .
Ich will die Dornen von dir nehmen
Und sie in meine Locken flechten
Und sie in meine Schläfen Pressen . . .
Wie Rosen meine Wunden glühn ,
Und lächelnd will ich dran verbluten ;
Tenn du wirst mich erlöst umfangen
Und still in deine Arme zichn ,
Erlöst durch meiner Liebe Gluten . ”
Eine wilde , qualendurstige Lebensgier ruft aus ihren Sän¬
gen , sie flieht nicht den Schmerz des Ringens und will nicht weiße
Blüten , die eine zarte Liebe an die Stirn drückt , sie schreit nach
Sonne , denn Sonne brennt nnd sie will das Leben am Leibe fühlen :
„ . . . Und er küsst und küsst — und küßt . . .
Seine roten , lechzenden Strahlenküsse
Brennen auf meiner jungfräulichen Brust
Wie ein höllisches Feuermal . . . ”
– ( 8 . Teil , Narzissen : „ Sonne ” . )
Hat sie darum das Bolk des Leides so lieb gewonnen ?
Und dann ist es anders geworden , es ist , als sei ihr Ruhe
gekommen , als ihr von ferne die Tore Zions leuchteten und ihr den
tiefsten Gruß ans der Seele lockten , den ihr erstes Lied „ In den
Toren Zions ” singt : „ Dein Volk ist mein Volk . ” :
„ . . . Mit deinem Bolk verband ich mein Geschick ,
Aus seiner Sehnsucht sang ich meine Lieder ,
Und was dein Volk bewegt an Schmerz und Glück ,
Klingt frühlingsstark in meiner Seele wider . . . ”
Nur noch ahnbar zittern die wilden Laute der „ Leidens¬
reichen ” in diesen Sängen : „ Schaare Zion ” nach , als sei der
Kampf vorüber und der Mensch gereinigt , auf daß sein Lied rein sei .
Das wird jedem ausfallen , der die Verse gut liest . — Und da
wird sie auch am besten , wenn sie alles Leid von sich geworfen hat
und an die Zukunft glaubt , an eine lichte , große Zukunft , an den
großen „ Sabbat ” und den letzte » „ Passah ” , der allen Schmerz von
der Erde nimmt . Nun hat sie keine Dornen mehr im Haar ( der
„ Ahasver ” gehört nicht in diesen Teil ) , und weißer Jasmin blüht
an ihren Schläfen und gibt süßen Duft , der berauscht und die
Sehergabe leiht : Und sie wird sehend und sieht lichte Tage , und ihr
Lied wird licht wie ihre Seele :
„ . . . Dn richtest auch dein Heiligtum
In Juda auf zur rechten Zeit
Und läßt aus Trümmern neu ersteh ‘ » :
Den Tempel deiner Herrlichkeit .
Dann werden alle , die du kennst
Und welche deinem Namen dienen ,
Wie Zedern auf dem Libanon
Im Borhof deines Tempels grünen .
Sic breiten ihre Zweige aus ,
Und werden blüh ‘ n und fruchtbar sein .
In ihren klaren Augen strahlt
Vom ew ‘ gen Licht ein Widerschein .
Und daß sie auf der reinen Stirn
Der Auserwählung Zeichen tragen ,
Das ist ihr seligster Gewinn
In frohen und in dunklen Tagen . ”
( „ Schaare Zion ” , Psalm 92 . )
Und dann das Gesicht im „ Psalm 128 ” :
„ O , du wirst überselig sein ,
An Freuden reich und reich an Segen .
Es geht ein Licht von Zion aus ,
Und strahlt auf allen deinen Wegen .
In deinem Hause aber wohnt
Ein Glück , das leuchtend ist und groß ,
Das glänzt aus deines Weibes Blick
Und sprosst aus deines Weibes Schoß . . . ”
Sie wird rein von aller Hast des Tages und aller Gier der
Brust und dann hört sie „ Die Harfe Davids ” tönen :
„ . . . Da wachten ernst und lieblich auf ,
Die alten trauten Judenlieder ,
Nnd die wir lange nicht gespielt ,
Die Harfe Davids tönte wieder .
Ein sieghaft gold ‘ ner Morgen kam ,
Und Sonnenglut und Herrlichkeit . . . ”
Ueberall wird Friede , und die roten Wunden , die ihren Leib
zieren , weichen friedereichcm Schmuck :
„ Von Bhssus ist dein Leib umwallt ,
Und schlanke , gold ‘ nc Lilien träumen
Um deine liebliche Gestalt ,
Auf deines Mantels Purpursäumen .
Du bist geschmückt mit Gold nnd Ringen
Gleich einem Turm von Elfenbein ,
Dein Reden ist wie Harfenklingen » ‘
Dein Kuß wie feurig edler Wein .
Die weißen Lichter leise knistern ,
Von draußen dringt kein einz ‘ ger Laut . . .
Horch ans mein liebeselig Flüstern ,
Du , meine Schwester , meine Braut . ‘
O Hanjah ! ich war müd nnd krank ,
Mein Herz war todeömatt un8 trübe ‘
Und ist nun voller Licht und Klang
Und reich an Glück durch deine Liebe .
Dank sei dem Herrn , ja Dank sei Ihm ,
Der dich , o Hanjah , auöersah ,
Du Jungfrau vom Stamm Ephraim ,
Lehadlik ner schel chanukah . . . ”
( „ Schaare Zion ” , „ Chanukah ” . ^ ‘
Die Dolorosa ist eine andere geworden „ in den Toren ZionS ” .
Sie hat ihren Wert gefunden und ihren Sang , nnd ihr Lied wird
sein von einer Kraft des Wortes , wie nie zuvor . Diese klare Schön¬
heit der Form ist eine seltene Gabe , die sie mit Größeren teilt . Und
gerade in den jüdischen Liedern kann sie diese Gabe voll nützen ,
weil der reine Stoff nach einer reiner : Form verlangt . So haben
wir ihr die Liebe zu unserem Stamm , ohne zu wollen , gelohnt , und
sie darf mit einigem Rechte von uns sagen :
„ . . . O Hanjah , ich war müd und krank ,
Mein Herz war todesmatt und trübe
Und ist nun voller Licht und Klang
Und reich an Glück durch deine Liebe . . . ” : ! : .

Jüdisches Volksblatt (Wien), 4. Jahrg., 19. Dezember 1902, Nr. 51, S. 1-2. Online