Allerlei vom Kino

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Eine gewisse Neuerung im Kinobetriebe war es auch, daß der bekannte Schauspieler Paul Wegener im Orient-Cinema den “Golem”, in welchem er er die Titelrolle spielte, durch eine Rede einführte, die festgehalten zu werden verdient. Er wies auf die große Bedeutung des Kinematographen hin und stellte seine Erfindung mit derjenigen des Buchdruckes auf die gleiche Stufe. Aber er betonte sehr nachdrücklich, daß der Kino, wenn er Kulturwert bekommen solle, auf eine ganz andere Höhe gebracht werden müsse. Daß es so kam, will Wegener damit erklären, daß der Kinobetrieb vielfach in den Händen von Leuten war, die ihren Beruf verfehlt hatten und die man früher nach Amerika geschafft hätte. Das Urteil ist vielleicht etwas zu scharf und trifft nur einen Teil der Gründe. Der andere ist geschäftlicher Natur, denn der Mord- und Schundkino zog und brachte viel Geld. Daher die Filme, welche das Volk vergiften und den Geschmack verderben. Diese möchte Wegener zurückgedrängt sehen. Wir freuten uns über diese tapferen Worte. Welche persönlichen Anrempelungen hätten wir erdulden müssen, wenn einer der Herren von der Kinoreform so gesprochen hätte!

Im Verlauf der weiteren Rede wies Paul Wegener auf den Film “Golem” hin, zu dessen Inszenierung sich bedeutende Schauspieler und Künstler vereinigten. Prof. Hans Poelzig schuf die Architektur und ersann eine Judenstadt von großem Reize. Dr. Hans Landenberger gab die Motive zur Musik. Drei Monate wurde an dem Werke gearbeitet und etwa 2000 Statisten wirkten mit. Die alten Judenköpfe, die man sah, waren ganz echt, die Lebendigkeit der Volksszenen bemerkenswert und sogar das Programm mit seinen Bildern ist vorzüglich. Viele Geschmacklosigkeiten, die sonst das Kinomassenfutter zeugt, fehlten. Es rasselten keine Autos umher und das Gebaren langweiliger Kinoschönheiten war ausgeschaltet. Kurz, was die Technik leisten konnte, um dem Stück einen künstlerisch wertvollen Hintergrund zu geben, das war geschehen. Wir sahen ader auch die Grenzen des Kinos, die durch die Wahl des Stückes noch mehr zur Erscheinung kamen als bei manch anderer Kinogeschichte. Unseres Erachtens ist eben dieser “Golem” reichlich dumm und wer vollends den Roman von Meyrink nicht kennt, wird aus dem ganzen “Getue” nicht viel machen können. Es fehlt da nicht nur das Wort, sondern auch die Seele, und dieser trottelhafte Golem nimmt sich in der reizvollen Umgebung ungefähr wie ein Tölpel aus, der in einen Laden mit kostbaren Glaswaren kommt. Man hat immer Angst, daß er ein Unglück anstifte. Humor fehlt ihm ganz. Trotzdem bedeutet der Film einen Fortschritt und ebenso die Rede von Paul Wegener. Wir wollen nur wünschen, daß das Kinodrama nicht tragisch für seine Theaterkunst wird. Es verlangt doch eine andere, viel rohere Technik wie das Theater.

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By., “Allerlei vom Kino”, in: Neue Zürcher Zeitung, 17. Jahrg., 23. Februar 1921, Nr. 53, S. 1. Online