Morris Rosenfeld “Lieder des Ghetto”

Morris Rosenfeld “Lieder des Ghetto”

Im “Verein für jüdische Geschichte und Literatur” sprach gestern abend Herr Dr. Moses-Berlin, der Herausgeber des “Generalanzeiger für die gesamten Interessen des Judentums” über Morris Rosenfelds “Lieder des Ghetto.”

*Der Redner gab zunächst einen Ueberblick überdie jung-stidische Dichtkunst im allgememen, die hervor-gegangen ist aus der national-jüdischen Bewegmig derGegenwart. Diese letztere zeigt sich zunächst un Wieder-aufleben der neuhebräischen Dichtung m hebratscherSprache, die eine solche Bedeutung erlangt hat, daskein Geringerer als Maxim Gorki in seinem „Sbornllverschiedene Uebersetzungen derselben gebracht hat undes somit sich zeigt, daß die alte, tausendjährige Sprachedurchaus nicht mehr tot ist und in der jetzt verschiedeneTageszeitungen erscheinen, und daneben nn Entstanden-ein einer vollständig eigenartigen modernen Literatur>es „Jüdischen” (Jiddischen), d. h. jenes eigenartigendeutschen Idioms, das im Miitelalter zur Zeit derJudenvertreibungen aus Deutschland aus der Ver-mischung der deuschen Sprache mit verschiedenartigen,remdlündischen, namentlich slavischen und hebräischenBrocken entstanden ist und das man int allgemeinen die Achsel angesehen werden. LDichtungen! In der Umgebung ..,Trunksucht und Roheit, die m den ProletarierviertelnLondons und Itewporks herrschen, weht durch dieGassen des Ghetto ein eigentümlicher, melancholischer,auf religiösen Traditionen beruhender Geist und insolchein Atilieu ist der Genius Rosenfelds entstanden.Schmerzen und Verzweiflung sind seine Melodien,! erhadert mit dem Schicksal und mochte die Fesseln zer-brechen, aber seine Kraft ist zu schwach. In den„Liedern der Arbeit” schildert uns der Dichter dasLos der Ausgebeuteten, wie die Maschine sein eigenesIch verschlingt und er selbst nur noch Maschine ist.Tiefe Ergriffenheit übcr>nannt uns, wenn leit denAufschrei des wunden Herzens vernehmen im „Liedder Rot”. Mein kraukeS Weib liegt im BelleUnd schläfert den Kleinen ein.Sie summt ganz leise, leiseDem Kind eine Schlumnlerweise,Mein Husten klingt heiser darein.Ich denk’ mir — und miichle weinen:Wenn heilt’ iulch trifft der Tod.Was soll aus ihnen werden,Wen haben die Armen aus Erben,Wer schafft ihnen Bett und Brot?Die beiden, wo nehmen sie morgenSluch nur das kleinste Geld?Wer wird ihnen leihen und borgen,Wer schützt sie vor Not und Sorgen,Wer schert sich um sic in der Welt?Ich denke »ud denke — da saht michDer Schlummer… Ei» kurzes Glück..Ich schleppe die zitternden GliederZur dumpfen Werkstatt zurück.Und wer würde nicht vonr Mitgefühl mit dem Vaterhingerissen, wenn er von seinem „Jmaele spricht,das noch schläft, wenn er zur Arbeit must und schonIviebcv tolciff, er milbe iinb AcbvocyCH « 1110 des Lasters der seines Volkes im heiligen Lande prophezeit.-■ ” ‘ ‘ i Redner wendet sich dann dem Illustrator Nosenfelds, dem bekannten Schwarz-weiß-Zeichner E. M.Lilien zu, der ebenfalls eine ganz eigenartige Gestaltist. Auch er stammt wie Rosenfeld aus dem jüdisch-polnischen Proletariat. In Galizien geboren, versuchteer verschiedene Male vergebens, sich aus seiner Um-gebung zu befreien, bis es ihm endlich nach unsäglichenMühen gelang, sich nach München durchzuarbeiten.Hier erkannte inan gleich seine seltene Begabung uiidbrachte ihn mit den Zeichnern der „Jugend” zusammen.Später wurde dann der jüdische Proletarier mit demSprößling eines der ältesten deutschen Adclsgeschlechterdem Freiherr Borries von AHinchhausen bekannt, mitdem er zusannnen den Balladen-Zpklus „Juda”, derübrigens auch von Gorki übersetzt ist, herausgab,welcher feinen Ruhm begründete, um dann den Höhe-punkt seines Schaffens in den grandiosen Zeichnungenzu den Werken des ihm kongenialen Dichters Roim-selb zu erreichen. — So hat der Zeichner sich zu lichterHöhe auch äußerlich einporgerungcn, während denDichter noch immer unter bcit Fesseln des 21 usbeutungssystems der Schwitzarbeit seufzt;, doch hoftuwir, daß der demnächst vom Literatiilverem zn Goiftzu erlassende Aufruf für den Du^cr, denftclbei evon äußeren Sorgen ungetrübtes Schaffen ermöglich.Möge man sich in den literaturfreundlrchen Krenndaran erinnern/daß ebenso -M wie NE sie ineKbsim Biörnson, Zola und Gorki vegeifteit. wat.and) an einem „Rosenfeld” Nicht unbeachtet vorüber0Cr,U®Feninteieffanten Ausführungen des Redners, didurch die großartige Rezitationskunst desselben ausbeste unteistützt lvurden, fanden bei bem sehr zahlreichen Publikiiin den lebhaftesten Bcisall.