Unfruchtbarkeit (Hamburger Fremdenblatt)

Unfruchtbarkeit. Roman von Dolorosa. Leipziger Verlag. Leipzig 1906.

Dolorosa, die bisher nur durch ihre masochistischen Erzählungen und Gedichte Aufsehen erregt hat, scheint jetzt weniger exklusive Bahnen als Schriftstellerin einschlagen zu wollen. Ihre plastische und anschaulicheSchreibweise stellt sie auch diesnial in Den Dienst einerTendenz, aber in ganz anderer Weise als bisher. Alsroter Faden zieht sich durch diese Erzählung derGedanke, daß die Fruchtbarkeit des Volkes als solchefür den sozialen Bestand lange nicht die Bedeutunghabe, wie man allgemein annmunt. Im Gegenteil Seidie hohe Geburtsziffer eines Volkes schädigend fürdas Volkswohl. Dolorosa vergißt bei dieser Gedanken-folge nur das eine, daß die traurigen Folgen großerFruchtbarkeit insbesondere sich in den »roßen Städtenzeigen unter einer Bevölkerima, die im Elend lebt undstirbt. Es sind vor allen Dingen also lvobl die sozialenZustände zu bessern, nicht aber natürliche Triebe undSehnsüchten zu unterdrücken. Uebrigens wollen Wiruns mit der Verfasserin über dieses Thema, das seitDtalthus Seite» auch wissenschaftlich schon vielfacherörtert worden ist, nicht streiten. Ein flioman istsicherlich nicht dazu geeignet, derartige schwierige Frage»zu behandeln. Es kann sich bei einem solchen nurdarum handeln, einige Beispiele zu kviistatieren. Dastut nun auch die Verfasserin in reichlicher Wetse,indem sie den Lebenslauf eines junge» Btädchens ausgebildeten Kreisen schildert, das aus Stolzeine arme Arbeiterin wird und in ihrem neuenMilieu in zahlreichen Familien und bei zahlreichenMädchen Elend und Unglück aus allzu großer Nach-kommenschaft entstehen sieht. Dte Heldin selbst unddie vielen fliebenpersonen sind psychologisch nicht gerademeisterhaft gezeichnet, wohl aber in ihren äußerenVerhältnissen und in ihrer Lebensweise getreu demLeben nachgeschlldert, sodaß man wohl sagen kann,daß man das Buch mit Interesse liest. Erfreulich istes, daß diese Schilderungen sich im attgemeinen indezenten Grenze» bewegen. Man merkt, daß es derVerfasserin heiliger Ernst ist mit ihrer Gegnerschaftder geschlechtlichen Ueberproduktion. O. K.

Hamburger Fremdenblatt, 1906