Der religiöse Mensch

Während ihrem Aufenthalt 1904 in Zürich hielt Gertrud Prellwitz verschiedene Vorträge und bereitete diese zur Veröffentlichung unter dem Titel Der religiöse Mensch und die moderne Geistesentwicklung vor.1  Bereits Anfang 1903 hatte Gertrud Prellwitz in Berlin eine Vortragssreihe unter diesem Titel gehalten.2

Vorträge Zum Problem von Liebe und Mütterlichkeit im Leben der modernen Frau und Über die Gestalt Jesu im Lichte der geschichtlichen Forschung.3

Das Interesse, das die Zeitschrift Frauenbestrebungen Prellwitz entgegenbrachte, widmete sie ihnen doch eine Serie von vier Beiträgen mit Zusammenfassungen ihrer Vorträge, scheint auf den ersten Blick erstaunlich zu sein.4 Auch wenn etwa die Ausführungen von Prellwitz über Aufklärung und Ehe möglicherweise als fortschrittlich oder zumindest modern empfunden worden sind. Über die Bedeutung der Frau bei der Aufklärung habe Prellwitz ausgeführt, berichtet die Zeitschrift:

Wenn im jungen Menschen das Sinnenleben erwacht, dann ist der Moment gekommen, wo ihm auch von dem “Liebesleben” gesprochen werden dürfe und solle als dem Heiligtum des Lebens, auf dessen Ahnen alle erzieherischen Einflüsse seitens der Mutter jahrelang vorbereitet haben! Nur die Frau ist natürlich imstande ihrem Kinde eine Ahnung von der Heiligkeit des Liebeslebens und der Mutterschaft in die junge Seele zu legen, die solche Heiligkeit empfunden und in sich selbst erlebt hat und dazu ist wieder nötig, dass sie von ihrer Mutter im gleichen Sinne dazu vorbereitet worden ist.

Was den Mann betrifft, vertrete sie dagegen die Ansicht:

Auch der Mann kann jenes heilige Liebeserleben in sich selbst nur erfahren, wenn er in gleicher Weise vorbereitet, wie die Frau, und mit rein erhaltener Seele in die Ehe tritt. Erstrebenswert wäre, dass er auch seinen Körper immer und allezeit rein erhalten hätte bis die “hohe Zeit” seines Lebens gekommen ist, in der er im Liebeserleben mit dem geliebten Weibe die höchst mögliche Potenzierung seiner geistigen und seelischen Kräfte und so gewissermassen einen Abglanz von Gottes Schöpferwonne in sich erlebt. Bis diese hohe Zeit kommt soll er die sich in ihm regenden Sinnentriebe in seelische Tätigkeiten umwandeln und dergestalt auch sich auf die seelischen Evolutionen im Liebeserleben vorbereiten.

Was die Ehe betreffe, wird über Gertrud Prellwitz berichtet, sei sie ein notwendiger Schutz, den der Staat Frau und Kind gewähre. Dazu hätte sie bemerkt:

Aber ein Bündnis zwischen Mann und Weib, das auf andere Motive gegründet ist, als auf gegenseitige Liebe, wird nicht sittlich durch den Spruch des Standesamtes und ein Bund zwischen zwei Menschen, die in hoher, reiner Liebesleidenschaft sich finden und gehören ist nicht unsittlich, auch wenn er nicht legalisiert ist.

Zu ihrer Position wird jedoch klargestellt:

Die Rednerin betont, dass sie nicht für freie Liebe eintrete, weil sie die Ehe als eine den bestehenden sozialen Verhältnissen angepasste notwendige Einrichtung betrachte. Eine Institution, die allerdings sehr der Reform bedarf. Aus dem Schutz, welchen die Ehe gewährt, ist ein Zwang geworden und das Recht zu fordern, was nur als beiderseitiges Geschenk Wert und ethische Berechtigung hat.

In den Kleinen Lebenserinnerungen bemerkt Fidus launisch, dass Gertrud Prellwitz in Zürich für ihre Vorträge zwar genug Gesinnungsfreunde gefunden hätte, aber keine Zustimmung in der Presse. Diese habe sich in Wendungen ergangen wie, ob da erst eine “Dichterin“” aus Wilmersdorf bei Berlin kommen müsse, um eine neue Religion zu predigen. Umso erstaunlicher ist das grosse Interesse, dass die Zeitschrift Frauenbestrebungen den Vorträgen entgegengebracht.

Veröffentlichungen

  • Der religiöse Mensch und die moderne Geistesentwicklung, C. A. Schwetschke, Berlin 1905.
  • Der religiöse Mensch und die moderne Geistesentwicklung. Sieben Vorträge, 3. Aufl. Eugen Diederichs, Jena 1916.

<li>Vgl. zu Pauline Bindschedler den Beitrag <a href=”http://www.lesbengeschichte.de/bio_willdenow_d.html” target=”_blank” rel=”noopener noreferrer”>Mentona Moser (1874-1971), Clara Willdenow (1856-1931), Pauline Bindschedler (1856-1933)</a> von Regula Schnurrenberger auf der Website <em>Lesbengeschichte</em>.</li>

  1. Die Publikation erschien 1905 im Berliner Verlag C. A. Schwetschke. Das Vorwort ist “Zürich, im Sommer 1904” datiert. []
  2. General-Anzeiger für die Berliner Abonnenten des Berliner Tageblatt und der Berliner Morgenzeitung, 26. Februar 1903 (Online). Welche Vorträge die Reihe umfasste, ist nicht klar. []
  3. Vgl. Zürcher Wochen-Chronik, 6. Jahrg., 5. März 1904, Nr. 10, S. 75, 19. März, Nr. 12, S. 90 und 28. März, Nr. 22, S. 170. []
  4. a. ß., Liebe und Mütterlichkeit im Leben der modernen Frau”, in: Frauenbestrebungen, Nr. 7, 1. April 1904, S. 55 (Online). P. B., “Der religiöse Mensch und die moderne Geistesentwicklung. Vortragscyklus, erster und zweiter Vortrag“, in: Frauenbestrebungen, Nr. 10, 1. Juli 1904, S. 77-78 (Online). P. B., “Der religiöse Mensch und die moderne Geistesentwicklung. Vortragscyklus, dritter Vortrag“, in: Frauenbestrebungen, Nr. 11, 1. August 1904, S. 85-86 (Online). P. B., “Der religiöse Mensch und die moderne Geistesentwicklung. Vortragscyklus, vierter bis siebenter Vortrag“, in: Frauenbestrebungen, Nr. 1, 1. Januar 1905, S. 6 (Online). []